Für alle.

Morgen wird im Bundestag also über die Ehe für alle abgestimmt. Ganz plötzlich steht das Thema auf der Agenda. Weil die Kanzlerin auf einmal findet, dass das ja eine Gewissensentscheidung sei. Da kann man das ja schon mal machen. Dass Abgeordnete nach Artikel 38 GG grundsätzlich nur ihrem Gewissen verpflichtet sind, sei an dieser Stelle einfach mal dahin gestellt. Dass die Opposition seit Jahren versucht, das Thema endlich auf die Agenda zu setzen, auch. Und auch, dass die CDU jetzt jammert, dass sie das Thema ja lieber richtig besprochen hätte und nicht so hopplahopp darüber hätte abstimmen lassen. Warum habt ihr es dann in den letzten vier Jahren nicht gemacht, ihr Heulsusen!? Ernsthaft.

Aber zurück zum Thema: Die Ehe für alle ist so gut wie beschlossene Sache – und natürlich wird das jetzt politisch ausgeschlachtet, bis zum Gehtnichtmehr. Die SPD tut so, als wäre sie ganz alleine auf diese grandiose Idee gekommen, die Grünen jubeln, weil sie schon über 20 Mal diesen Antrag gestellt haben, die Linken finden es sowieso gut. Und die CDU ist gespalten – im Deutschlandfunk hat heute Morgen der stellvertretende CSU-Generalsekretär (how is that a thing!?) die Kanzlerin dafür gelobt, dass sie die Debatte jetzt angeschoben hätte (Pippi-Langstrumpf-Argument), die Zeit sei jetzt reif, aber eine Abstimmung hätte ja nicht gleich sein müssen. Anderswo werden jetzt kritische Stimmen laut, dass die Ehe für alle nicht verfassungskonform sein könnte, weil … naja, in der Verfassung steht nichts dazu, aber bisher haben die Verfassungsrichter immer von Mann und Frau gesprochen. Als wäre die Rechtsprechung jetzt dann gleich die Verfassung. Aber auch das sei jetzt einfach mal so dahin gestellt.

Was mir nicht in den Kopf will, ist dieses Gejammere über den Verfall der Ehe. Ich bin verheiratet. Glücklich. Mit einem Mann. Mir ist es kackegal, wer noch so heiratet. Einen Mann. Eine Frau. Einen Besenstiel. Wenn man sich liebt und beide die Idee, ein Leben lang zusammenzubleiben, füreinander zu sorgen, sich gegenseitig zu unterstützen u.v.m. grandios finden, dann sollte man einfach heiraten können. Oder man sollte das nicht können – dann sollte es aber auch niemand können. Gleiches Recht für alle. Ende. Es gibt weit über 100 Gesetze, die gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaften diskriminieren und wohl auch einige, die lustigerweise Ehen benachteiligen. Warum? Man weiß es nicht so genau.

An dieser Stelle fällt mir wieder der CSU-Heini von heute Morgen ein, der mal ganz locker davon sprach, dass es hier ja nur ums Adoptionsrecht und um “Begrifflichkeiten” ging. Na, wenn’s nur das ist, dann gibt’s doch keinen Grund auszuflippen, oder? Gleichgeschlechtliche Paare können ja jetzt schon gemeinsam ein Kind großziehen und sich dabei das Erziehungsrecht teilen. Es würde es tatsächlich nur vereinfachen. Und wenn alles andere nur eine Frage des Begriffs ist… Ist es natürlich nicht. Sieht man auch an dem ganzen wirren Geschrei von rechts außen. Irgendwie geht es um christliche Werte, um den Wert der Ehe oder so.

Der Wert der Ehe bemisst sich allerdings nicht daran, wer noch so heiraten darf. Der Wert der Ehe bemisst sich an den Ehepartnern. Ich bin – wie bereits angedeutet – glücklich verheiratet. Ganz ordentlich mit einem Partner des anderen Geschlechts. Am Glück meiner Ehe wird sich im Verlaufe des morgigen Tages absolut gar nichts ändern. Ich werde nach einem anstrengenden Tag in der Schule nach Hause kommen, meinem Mann einen Kuss geben, ihn fragen, wie sein Tag war, genervt sein, dass da Socken rumliegen, mich freuen, dass er die Zitronen gekauft hat, die ich fürs Abendessen brauche… Wie an jedem ordinären Tag. Es wird alles ein bisschen so sein, wie immer. Und natürlich so einzigartig, wie jeder einzelne Tag mit Herrn Spätzle einfach ist. ❤ Vielleicht werden wir beim Abendessen noch darüber reden, dass es jetzt gut ist, dass sich noch mehr Menschen in der Rechtsform der Ehe über liegen gebliebene Socken ärgern und eingekaufte Zitronen freuen dürfen. Vielleicht hat sich aber einer meiner Schüler auch wieder mitsam dem Stuhl auf dem Boden gewälzt oder seinem Mitschüler ein Gummi ins Gesicht geschnalzt. Alles ist möglich.

Was ich damit eigentlich sagen will: Die Ehe für alle ist eine Selbstverständlichkeit. Es gibt kein gutes Argument dafür – nicht einmal das “Gewissen” der CDU/CSU-Abgeordneten, die sich jetzt alle ganz plötzlich von der gesellschaftlichen Diskussion überrumpelt fühlen. Ach und die katholische Kirche hatte sich ja auch noch zu Wort gemeldet. Man weiß nicht genau, was Menschen, die im Zölibat leben, zum Thema Ehe beizutragen haben, aber die Partei mit dem C findet das wohl recht wichtig. Gut sind die Argumente deswegen allerdings noch lange nicht.

Schade irgendwie, dass alles, was die Gegner der Ehe für alle zu sagen haben, ist “Das war schon immer so! Die Verfassungsrichter…! Aber in der Bibel…!” Aber umso amüsanter, dass das tatsächlich die “Argumente” sind, die momentan über alle Kanäle lautstark kund getan werden.

In dieser Hinsicht freue ich mich auf morgen. Endlich wird die unsägliche Diskriminierung von Homosexuellen abgeschafft. Die CDU/CSU fährt eine krachende Niederlage ein. Und die Vernunft fährt mal wieder einen Teilsieg nach Hause. Ja, ich freue mich auf morgen. Und nicht nur, weil ich am Wochenende keine Strafarbeiten verteilen muss. 😉

 

P.S. Was mich ein bisschen wundert, ist übrigens, dass noch gar niemand so richtig zum Thema Kindeswohl aufgefahren hat. Da ist ja auch immer viel Spielraum für viel dummes Zeugs. Und für dieses wundervolle Video:

 

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